02.04.2024

Auf das Bildungspersonal kommt es an!

Für gelungene Aus- und Weiterbildung ist das betriebliche Bildungspersonal entscheidend. Das InnoVET-Projekt CLOU stärkt die Macherinnen und Macher von Bildungsprozessen in Unternehmen der chemischen und pharmazeutischen Industrie mit gleich zwei neuen Weiterbildungen.

Fachexpert:in Ausbildung
Ausbildende Fachkräfte im Betrieb tragen maßgeblich zu Lernerfolg und Motivation junger Menschen bei. Sie schaffen Lernsituationen im Arbeitsalltag. Sie leiten Azubis an, geben Feedback und müssen Konflikte lösen. Und das häufig ohne eine pädagogisch-didaktische Qualifizierung! Denn im deutschen Weiterbildungssystem klafft für Facharbeiterinnen und Facharbeiter zum Umgang mit Menschen auf der Lehrstelle: eine Leerstelle.

Zwischen der Ausbildereignungsprüfung und einer Aufstiegsfortbildung wie dem Geprüften Aus- und Weiterbildungspädagogen und dem Geprüften Berufspädagogen gibt es keine Qualifizierungsangebote zum professionellen Umgang mit Auszubildenden. „Wir wollen diese Lücke schließen“, sagt Juliana Dienel von der TU Dresden. Sie und ihr Team haben im InnoVET-Projekt CLOU mit der Weiterbildung „Fachexpert:in Ausbildung“ ein praxisnahes Angebot für ausbildende Fachkräfte in der chemischen und pharmazeutischen Industrie entwickelt.

Praxistransfer der Lerninhalte im Vordergrund
Die Weiterbildung im Umfang von 200 Stunden vermittelt Fachkräften wissenschaftlich fundiert das pädagogische, didaktische sowie psychologische Handwerkszeug für gelungene betriebliche Ausbildung. Der Fokus des Konzepts „Fachexpert:in Ausbildung“ liegt auf dem Praxistransfer, damit Teilnehmende das Gelernte im Arbeitsalltag direkt anwenden können. Das ist besonders wichtig, wie Verbundkoordinator Sigmar Kühl von der SBG Dresden erklärt: „Ausbildung ist vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen ein Nebengeschäft, das neben Produktion und Laborarbeiten abläuft. Deswegen muss das Angebot niederschwellig, modular und flexibel sein und Bildungsprozesse konkret unterstützen. Was hier entwickelt worden ist, handelt in der beruflichen Praxis!“

Das Ziel des Angebots ist ganz klar: Es geht darum, die Ausbildungsqualität am Lernort Betrieb zu verbessern. Hierfür ist das Bildungspersonal absolut zentral. Außerdem soll es die Lernortkooperation von Betrieb, Überbetrieblicher Berufsbildungsstätte und Berufsschule stärken, indem ausbildende Fachkräfte ihr Handeln mit dem des Bildungspersonals der anderen Lernorte besser verzahnen.

Lernen im Betrieb: Erkennen und Gestalten von Lernsituationen im Arbeitsalltag sowie Kommunikations- und Konflikttraining für ausbildende Fachkräfte. Um eigene Schwerpunkte zu setzen, wählen Teilnehmende zusätzlich zwei Wahlpflichtmodule im Umfang von je 20 Stunden:

  • Rahmenbedingungen für die Ausbildung kennen und gestalten,
  • Zeit-, Stress- und Selbstmanagement für ausbildende Fachkräfte,
  • Diversität im Arbeitsleben,
  • Psychische Erkrankungen erkennen und damit umgehen.
  • CLOU Tagung Workshop
  • Die Tagungsteilnehmer diskutieren ihre Sicht auf die neue Weiterbildung.
  • Copyright: TU Dresden
  • O-Töne aus der Erprobung

Teilnehmer:in 1

„Für mich war die Verknüpfung von Handlungswissen mit Fach- und Sachwissen am wichtigsten. Es kommt im stressigen Alltag vor, dass man zwar die Arbeitsabläufe vermittelt, aber das Fachwissen zu kurz kommt. Wir haben tolle Hilfsmittel kennengelernt, womit das nicht mehr der Fall sein wird.“

Teilnehmer:in 2

„Ich kann die Ausbildung professioneller und mit fundierten Methoden einfacher durchführen. Ich habe tolle Anregungen über Methoden der Wissensvermittlung bekommen, die mir den Ausbildungsalltag leichter machen und den Azubis mehr Spaß.“

Teilnehmer:in 3

„Ich möchte die Lerninhalte nutzen, um systematischer und didaktisch klüger an die Ausbildung bzw. an Ausbildungssituationen heranzugehen. Ich kann die Ausbildung mithilfe der Lerninhalte besser planen, zu vermittelnde Ausbildungsinhalte besser strukturieren und somit den Azubis besser rüberbringen.“

Innovativ ist, dass der Wissens- und Kompetenzerwerb durch die Bearbeitung von Fallbeispielen gesteuert wird. Das initiiert Problemlöseprozesse, die sich in unterschiedliche Lernphasen und Lernformate gliedern: Für jedes Thema gibt es eine selbstgesteuerte Erarbeitungsphase auf der Lernplattform. Mit diesen Inhalten gehen die Personen in einen Präsenzworkshop, in dem das Wissen von der Lernplattform gefestigt und erweitert wird. Die Nachbereitungsphase auf der Lernplattform hilft, das Wissen zu festigen und den Bezug von der Theorie zum eigenen Arbeitsplatz herzustellen. Danach folgt eine längere Transferphase, in der es gilt, das Wissen in den Betrieb zu implementieren und im Umgang mit den Auszubildenden anzuwenden. Die Teilnehmenden erhalten „Transferaufgaben“ – etwa „Plane eine Lehr-Lern-Einheit, führe sie durch und reflektiere sie“. Es gibt außerdem Beratungstermine, an denen die Dozierenden beim Transfer unterstützen.

Erprobung auf zwei Wegen – großes Transferpotenzial
Die Weiterbildung „Fachexpert:in Ausbildung“ wird seit November 2023 mit 18 Teilnehmenden aus acht unterschiedlichen Unternehmen erprobt. Das Projektteam verfolgt hier zwei Ansätze parallel: Zum einen die Erprobung als alleinstehendes Konzept und zum anderen die Integration von Teilen der Pflichtmodule (je Pflichtmodul 45 Stunden) in die vom Projekt entwickelten Qualifikationen „Geprüfter Berufsspezialist für Spektroskopie“/„Geprüfter Berufsspezialist für Chromatographie“. Dieses Konzept scheint aktuell für die Zielgruppe am attraktivsten, wie die CLOU-Fachtagung am 7. Februar 2024 in Dresden gezeigt hat. Das bestätigen auch Experten aus Wissenschaft und Praxis, wie Juliana Dienel berichtet.

Das Potenzial für den Transfer des Konzeptes ist aus Sicht des Projektteams groß: Zum einen könnte es mit der ebenfalls entwickelten Qualifikation „Fachexpert:in Weiterbildung“ (siehe unten) zu einem „Berufsspezialisten für betriebliche Aus- und Weiterbildung“ gebündelt werden. Zum anderen ist es aus Sicht der Wissenschaftlerinnen „definitiv auf andere Bereiche übertragbar“, wie Luisa Kresse von der TU Dresden betont. Die Anwendungsfälle müssten angepasst werden, aber die Themen wie Kommunikation und Didaktik seien für alle Berufsgruppen relevant. Aus ihrer Sicht ist die Übertragbarkeit auf gewerblich-technische Berufe am einfachsten.

Fachexpert:in Weiterbildung
Ähnliches Ziel, hohe Relevanz – und völlig andere Voraussetzungen: So ließe sich das zweite Angebot „Fachexpert:in Weiterbildung“ zusammenfassen. Denn während es für Ausbildung einen strukturellen Rahmen, mit den ausbildenden Fachkräften direkte Ansprechpartner, den Azubis eine begrenzte Zielgruppe und festgelegte Ausbildungsinhalte gibt, sind beim Thema betriebliche Weiterbildung viele Fragen offen: Die Rolle eines betrieblichen Weiterbildners ist in den meisten Unternehmen nicht vorhanden, die Zielgruppe von Weiterbildung sind faktisch alle Fachkräfte und die Inhalte damit nahezu unbegrenzt.

Pionierarbeit für betriebliche Weiterbildung
Ina Krause von der TU Dresden stand daher bei der Entwicklung einer Weiterbildung für betriebliches Bildungspersonal vor diversen Herausforderungen: „Wir müssen als erstes in den Unternehmen Akzeptanz schaffen, dass es einen Impuls zur Professionalisierung betrieblicher Weiterbildung geben soll. Wir müssen Strukturen vorschlagen, die zu einem hochgradig verdichteten Arbeitsalltag passen. Wir müssen Personen etablieren, die Ansprechpartner und Katalysator für das Thema sind. Und wir müssen die Didaktik auf berufserfahrene Menschen ausrichten.“

Vor diesem Hintergrund analysierte das Projektteam die Inhalte der Fortbildungen Aus- und Weiterbildungspädagoge, Berufspädagoge sowie der AEVO sowie das Weiterbildungsgeschehen in der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Zudem führte das Team Gespräche mit Unternehmen, um das Angebot auf den Bedarf zuzuschneiden. Das Ergebnis: Es gibt einen riesigen Weiterbildungsbedarf, aber der Stundenumfang für Weiterbildung sinkt. Gefragt sind Fachkräfte, die in einer nebenberuflichen Weiterqualifizierung ein gewisses Professionalisierungsniveau erreichen und sich aus einem didaktisch-methodischen Werkzeugkasten bedienen können. Das Angebot musste also modular und flexibel aufgebaut sein, um berufsbegleitend einen Einstieg ins Thema zu ermöglichen.

Deswegen wurden im Projekt Lernmodule im Umfang von 200 Stunden zusammengestellt, die sich in drei Inhaltsmodule zu je 50 Stunden sowie vertiefende Übungskurse zu Methoden und Tools des betrieblichen Weiterbildners im Umfang von nochmals 50 Stunden aufteilen:

  • Betriebliche Weiterbildung planen und gestalten: Veranstaltungen, Einzelmaßnahmen, informelles Lernen
  • Pädagogische Lernbegleitung: Umgang mit Berufserfahrung, Lernschwächen, Ängsten
  • Wissensmanagement im Betrieb: Wissen sichern und weitergeben

Fachkräfte sollen damit die verschiedenen Rollen eines betrieblichen Weiterbildners ausfüllen können:

  • Der Organisator, der für Akzeptanz und Struktur wirbt.
  • Der Begleiter und Berater, der individuell unterstützt.
  • Der Wissensmanager, der Strukturen zur Entwicklung und Sicherung von Wissen schafft.
  • Sie möchten sich beteiligen?

Interessierte melden sich bei:

Prof. Dr. Sandra Bohlinger und PD Dr. Ina Krause
0351 / 463 36489
projekt.clou@tu-dresden.de

Das Projektteam hat bislang sieben Erprobungsworkshops von April 2022 bis Oktober 2023 durchgeführt. Bei diesen Workshops mit insgesamt 52 Teilnehmenden von Bildungsträgern und Unternehmen zeigte sich: Es gibt wenige Personen, die alle Module brauchen. Was kein Problem ist, denn Teilnehmende müssen nicht das komplette Programm absolvieren. „Das aktuelle Angebot ist offen gestaltet: Die Betriebe entscheiden selbst, wen sie für welches Thema fit machen wollen“, sagt Ina Krause. Das modulare Konzept erleichtert es, sich über die Vertiefung einzelner Inhalte dem Thema Weiterbildung anzunähern.

Umgesetzt werden die Module im Blended-Learning-Format: Präsenzkurse und Online-Selbstlernphasen im Lernmanagementsystem, unterstützt durch Videomeetings und Bearbeitung von Praxisaufgaben im Betrieb, wechseln sich ab. Die Inhalte sind aufbereitet in einem Storyboard: Die Lernsituationen und Fallbeispiele in jedem Modul handeln immer in denselben zwei fiktiven Betrieben in der pharmazeutischen und der verarbeitenden Industrie: Welche Weiterbildungsmaßnahmen braucht es bei der Neuanschaffung von Maschinen? Wie gestalten wir Einarbeitungsprozesse? Wohin soll sich unsere Nachwuchskräfte entwickeln? Kleine Filme mit Situationen aus dem Arbeitsalltag machen das Ganze greifbar.

Das Thema vorangebracht – Perspektive Meisterausbildung
Trotz des anspruchsvollen Umfelds sieht Ina Krause Erfolge: „Wir haben uns in die bildungspolitische Debatte eingemischt mit Veröffentlichungen, Vorträgen, unserer eigenen Tagung sowie den demnächst erscheinenden Themenband. Das Projekt hat diese Themen entwickelt und vorangebracht.“ Zudem sei das Interesse von Unternehmen an den Modulen sehr groß, was hohe Anmeldezahlen der drei seit Oktober 2023 angebotenen Informationsveranstaltungen bei den Bildungsträgern SBG Dresden, BBZ Berlin und AVO Schkopau zeigen.

„Unsere Praxispartner sind sensibilisiert für das Thema“, so Krause. Allerdings sehen diese in ihren Unternehmen noch nicht den zeitlichen Spielraum für die Freistellung von Personal. Deshalb sei es richtig, die Module kleinteilig in die Praxis zu bringen, um Akzeptanz für das Thema zu schaffen. Erst danach mache es Sinn, über ein gebündeltes Angebot „Fachexperte Weiterbildung“ oder einen „Geprüften Berufsspezialisten für betriebliche Aus- und Weiterbildung“ nachzudenken.

Sigmar Kühl von der SBG Dresden sieht eine wichtige Perspektive für den Transfer – für beide Angebote: „Ich glaube, das ist eins zu eins übertragbar in die Meisterausbildung. Diese hat einen großen prüfungsrelevanten Komplex zu Personalführung und -entwicklung. Man kann die Angebote daher als Vor- oder Zusatzqualifizierung sehr gut dorthin übertragen. Das ist dann für alle Bereiche der Meisterausbildung in Deutschland relevant!“

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Heike Peters

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