11.07.2023

Mangelnde Berufsorientierung Ursache für Ausbildungskrise Doppelperspektivische Studie zur dualen Ausbildung: mangelnde Berufsorientierung schafft zunehmend Verwirrung

Im Sommer 2022 waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit nicht ganz die Hälfte aller Ausbildungsstellen noch unbesetzt. Der demographische Wandel spielt dabei aus der Sicht von Azubis und Ausbildungsbetrieben kaum eine Rolle. Er wird von nur 12,8% der Azubis und 25,0% der Ausbildungsverantwortlichen als Ursache identifiziert.

Gen Z über Gen Z: zu anspruchsvoll

Weitaus häufiger genannt - nämlich von 49,6% der Azubis und 45,3% der Ausbildungsverantwortlichen - wird die mangelnde Berufsorientierung. Überraschend ist, dass ein großer Teil der Generation Azubi auch die "Anspruchshaltung der jungen Generation" für unbesetzte Ausbildungsplätze mitverantwortlich macht. Während 40,6% der befragten Schüler*innen und Azubis diesen Faktor als Ursache nennen, sind es bei den Ausbildungsverantwortlichen nur 35,3%. Die Gen Z selbst blickt also kritischer auf die eigene Generation als die Angehörigen älterer Jahrgänge.

Unüberschaubare Angebotsfülle

Ein Grund für die berufliche Desorientierung möglicher Azubi-Bewerbender ist die stetig steigende Zahl der Ausbildungsberufe. Aktuell sind es schon 324. Darunter befinden sich eher unbekannte Berufsbilder wie das des "Zerspanungsmechanikers" oder relativ neue wie der/die "Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce" oder der/die "Gestalter/Gestalterin für immersive Medien", der ab dem 1. August 2023 erstmals angeboten wird. "Das wird für immer mehr Jugendliche zum Orientierungsproblem," sagt Felicia Ullrich, die die Studie seit vielen Jahren für die u-form Testsysteme betreut: "Während der Coronapandemie hat die Berufsorientierung zusätzlich gelitten, weil entsprechende Präsenzangebote weggefallen sind."

Ausbildung zum E-Sportler?

Zur Frage, welche Ausbildungsberufe tatsächlich angeboten werden und welche nicht, herrscht entsprechend Verwirrung. So sind 74,3% der Azubis davon überzeugt, dass eine duale Ausbildung zum "Persönlichen Gesundheitsassistenten" angeboten wird, die die Auszubildenden befähigen soll, Privatpersonen zum Thema gesunder Lebenswandel zu beraten. 73,3% von ihnen glauben, dass es eine Ausbildung zum "E-Sportler" gibt, die Fachleute hervorbringen soll, die sich auf professionellem Niveau Videospielen widmen. Beide Angebote existieren aktuell nicht - im Unterschied zum "3-D-Druckexperten" etwa. Hier schätzen 55,5% der Azubis die Lage richtig ein, dass ein solcher Ausbildungsberuf existiert.

Du oder Sie?

Wie in jedem Jahr widmet sich die Studie auch 2023 besonders intensiv Themen des Azubi-Marketings und -Recruitings. Wie möchten Azubi-Bewerbende auf Karriereseiten und in Stellenanzeigen angesprochen werden? 55,7% bevorzugen aktuell das "Du", 10,2% das "Sie". 34,1% ist die Form der Ansprache egal. 68,7% der Ausbildungsverantwortlichen nutzen das "Du" in der Ansprache von Azubi-Bewerbenden, 19,3% das "Sie". 61,6% der Azubis würden lieber in einem Unternehmen arbeiten, das Mitarbeitende duzt. Nur 4,3% würden das "Sie" bevorzugen. 34,1% ist es egal. Nach Auskunft der befragten Ausbildungsverantwortlichen arbeiten 50,8% von ihnen in einem Unternehmen, in dem die Frage nach "Du" oder "Sie" nicht einheitlich geregelt ist.

Social Media überschätzt

Vielen gelten TiKTok & Co. als das Mittel der Wahl im Azubi-Recruiting. Nur 10,9% der Azubi-Bewerbenden nutzen jedoch Social Media gezielt für die Suche nach einem Ausbildungsplatz, weitere 39,6% sind im Hinblick auf Social Media Passivsucher: Erhalten sie ein entsprechendes Angebot, schauen sie es sich an, sie suchen jedoch nicht aktiv. Für rund die Hälfte der Azubi-Bewerbenden (49,5%) jedoch spielt Social Media bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz keine Rolle. Von denjenigen Azubi-Bewerbenden, die Social Media gezielt nutzen, informieren sich 51,7% "häufig" oder "sehr häufig" auf Instagram. TikTok kommt auf 28,4%.

Recruiting im Blindflug

Während Social Media von den Ausbildungsbetrieben recht umfangreich bespielt wird, allein 88,3% nutzen eigenen Angaben zufolge Instagram, wird die Luft bei den Kennzahlen zur Steuerung von Azubi-Recruitingprozessen dünn. 66,6% der Ausbildungsverantwortlichen nutzen nach eigenen Angaben keine Kennzahlen im Azubi-Recruiting. Von den wenigen Betrieben, die Kennzahlen verwenden, kann nicht einmal die Hälfte (48,2%) die Frage beantworten, welcher Recruitingkanal zu welchen Kosten qualifizierte Bewerber*innen liefert.

Azubi-Auswahl eignungsdiagnostisch optimierungsfähig

Bei den Ausbildungsverantwortlichen wird mit 54,1% nur ein weiterer Grund häufiger für unbesetzte Ausbildungsplätze genannt als die mangelnde Berufsorientierung: die fehlende Eignung der Jugendlichen. "Eignungsdiagnostisch gesehen sind die aktuellen Azubi-Auswahlverfahren allerdings optimierungsfähig," sagt die zertifizierte Eignungsdiagnostikerin Felicia Ullrich. So hält nur eine Minderheit der Ausbildungsbetriebe eignungsdiagnostische Standards bei den Auswahlgesprächen ein - wie ein einheitliches Fragenset (44,5%), eine schriftlich fixierte Struktur (48,8%), ein schriftlich definiertes Anforderungsprofil als Grundlage (38,6%) oder einen Auswertungsbogen (47,9%).